Bauen mit Holzfertigteilen: 1 Tag = 1 Geschoss

Zeit, Geld und Baufehler vermeiden – das ist wohl der Traum eines jeden Häuslbauers. Und der ist eigentlich zum Greifen nah: Die Lösung heißt Fertigteilbau bzw. Systembauweise. Bis zu 40 Prozent Bauzeit kann mit Holzbauweise im Rohbau gegenüber mineralischem Bauen eingespart werden. zoomsquare hat mit Architektin Regina M. Lettner über die Vorteile und Vorurteile von Systembauweise gesprochen und warum „Pfuscher“ der Tod jeder Baustelle sind.

ZOOMSQUARE: Was sind generell die Vorteile bei Systembauweise?

Regina Lettner: Generell geht es beim Bauen um Fehlervermeidung – in der Planung aber vor allem in der Ausführung. Der Vorteil von Systembauweise bzw. Fertigteilen ist, dass es anfangs zwar mehr Planungsaufwand ist, aber auf der Baustelle werden alle „typischen“ Schwierigkeiten vermieden. Beispielsweise wird derzeit in Aspern ein Hybrid-Holz-Hochhaus gebaut – im 12. Stock gibt es eine Bauungenauigkeit von nur drei Millimeter!

Projekt: 1220 HoHo Wien von cetus Baudevelopment und Rüdiger Lainer und Partner Architekten

ZOOMSQUARE: Wo liegt denn im Schnitt die Bauungenauigkeit bei einer herkömmlichen Bauweise?

Regina Lettner: Bei Ziegelbau bzw. Ortbeton gibt es im Schnitt eine Bauungenauigkeit von 5cm. Da müssen dann die Maler und Fliesenleger kreativ sein.

ZOOMSQUARE: Da sind drei Millimeter beeindruckend wenig – wie wurde das erreicht?

Regina Lettner: Durch das vorherige Planen – jede Leitung, jedes Kabel wird im Vorfeld geplant. Dadurch habe ich dann ein komplett anderes Bauen.

Es gibt keine Pfuscher auf der Baustelle! Hier sind nur Fachkräfte am Werk – die ein Drittel weniger Bauzeit brauchen!

Beim Systembau findet die gesamte Vorfertigung in der Halle statt, das lässt sich wunderbar im Winter bewerkstelligen. Durch die Systembauweise ist man einfach auch wetterunabhängiger. Das geht beim herkömmlichen Bauen nicht. Und auf Grund der kurzen Bauzeit habe ich geringere Finanzierungskosten – das betrifft auch den „privaten Häuslbauer“.

ZOOMSQUARE: Was kann man sich unter „kurzer Bauzeit“ vorstellen?

Regina Lettner: Das bedeutet: Ein Bautag bringt ein Geschoss eines Mehrparteienhaus. Ein Einfamilienhaus kann man überhaupt in ein bis zwei Tagen aufstellen. Beim Holzbau gibt es noch zusätzlich den Vorteil, dass es eine trockene Baustelle ist und demnach gibt es keine Baufeuchte, die austrocknen muss. Der Beton muss lang unterstützt bleiben.

ZOOMSQUARE: Wie sieht es mit dem Thema Feuchtigkeit bei Holz aus?

Regina Lettner: Probleme mit Feuchtigkeit habe ich immer, wenn mangelhaft gebaut wird. Beim Fertigteilbau habe ich das nicht – das wird in der Halle vorgefertigt, jede Folie ist da, wo sie sein muss. Da ist alles durchdacht. Die Oberflächen sind dann grundsätzlich fertig – da muss weder gemalt noch gespachtelt werden.

So wird im Rohbau beim Holzsystembau 40 Prozent Bauzeit gegenüber mineralischem Bauen eingespart!

ZOOMSQUARE: Bauen mit Holz klingt natürlich auch sehr umweltverträglich und nachhaltig – ist es das tatsächlich?

Regina Lettner: Holzbau hat natürlich einen CO2-Vorteil. Umweltkriterien bei kommunalen Ausschreibungen erfülle ich deutlich schneller und einfacher beim Holzbau. Nur wenn man nur das Bausystem austauscht von Beton oder Ziegel auf Holz, ist man schon vorne dabei. Bei herkömmlicher Bauweise muss ich die Umweltkriterien anderweitig erfüllen – mittels Photovoltaik oder Wasseraufbereitung. Setze ich gleich auf Holzbau, brauche ich vieles andere nicht, um die Kriterien zu erfüllen.

Groß-Investoren kaufen auch vornehmlich Häuser, die ein Nachhaltigkeits-Siegel haben. Es wird vermehrt darauf geachtet.

ZOOMSQUAREe: Woher kommt das Holz?

Regina Lettner: Die Plattenproduzenten kaufen im Umkreis von 100km ein. Österreich hat momentan viele Holzproduzenten – aber das meiste wird ins Ausland transportiert. Das heißt, wir produzieren für das Ausland Holzfertigteile.

ZOOMSQUARE: Ist im Ausland die Nachfrage nach Holzbauweise höher?

Regina Lettner: In Paris wird derzeit das Projekt „The Multilayered City“ umgesetzt mit 125.000 Quadratmetern Nutzfläche in Holzbauweise – alle drei Firmen, die in Österreich produzieren, produzieren für Paris.

 

„The Multilayered City“, Paris, Bauherr: BNP Paribas Real Estate, NBIM

„The Multilayered City“, Paris, Bauherr: BNP Paribas Real Estate, NBIM

 

 

 

 

 

 

 

 

ZOOMSQUARE: Was schreckt die österreichische Bauwirtschaft denn ab?

Regina Lettner: Es gibt eine Umfrage von baugenial über die Zukunft der Leichtbausysteme – wie Architekten oder Bauträger das sehen. 91 Prozent sehen darin die Zukunft, haben aber das Gefühl, dass ihnen die Informationen und das technische Know-How fehlen. Und das ist eigentlich verrückt. Es wird nicht gemacht, weil die Bauträger das Gefühl haben, sie können das nicht. Das heißt, es muss weitergebildet werden, auch von der Holzindustrie muss mehr kommuniziert werden.

ZOOMSQUARE: Mit welchen Vorurteilen sind Sie noch konfrontiert, wenn es um das Thema Holzbauweise geht?

Regina Lettner: Ein Vorurteil ist, dass beim Holzbau weniger Nutzfläche rauskommt – die Leute glauben, dass die Wände dicker sind. Das ist aber unrichtig. Es gibt eine Masterarbeit von der TU Graz, da wurden mehrere Projekte verglichen und im Endeffekt zeigt sich, dass beim Holzbau sogar 3 Prozent mehr Nutzfläche entstehen! Viele glauben auch, dass Holzbau teurer ist als eine herkömmliche Bauweise. Wenn man vorher in Beton oder Ziegel plant und sich dann ein Angebot einholt im Holzbau, dann ist es natürlich teurer, weil es nicht einfach 1:1 umzurechnen ist. Wenn ich mit Holz bauen will, dann muss ich es von Anfang an so planen. Und dann ist es gleich teuer oder je nach Volumen sogar billiger.

ZOOMSQUARE: Ihr Résumé zum Abschluss?

Regina Lettner: Mir ist wichtig mitzugeben, dass ich hin muss zu guter Planung, guter Logistik und weg vom Bauen auf der Baustelle. Vorher Bauen und dann Montieren – das ist die Zukunft. Kunden haben kein Problem mit dem Holzbau, sondern im Gegenteil! Sie finden es viel besser als Beton. Das heißt, der Kunde ist bereit, die Bauträger machen es nicht, weil sie das Gefühl haben, es fehlt ihnen an Know-How und Informationen und eigentlich bräuchten die Errichter und Bauträger nur das richtige Projektteam – und das gibt es.

Dann kann man den Kundenwünsch erfüllen, Kosten sparen und die Rendite sichern.

DI Regina M. Lettner ist Architektin und staatlich beeidete Ziviltechnikerin. Nach ihrem Studium an der TU Wien machte sich die gebürtige Welserin 2005 selbstständig und gründete das Konsortium baukult mit den Schwerpunkten Architektur, Raumplanung und Städtebau. Aktuell legt Lettner ihren Fokus auf „alternative“ Bauweisen mit Fertigteilen aus Beton oder Holz.

 

 

 

Wir danken Regina Lettner für das spannende Interview! 

 

Produzenten von Holzfertigteilen in Österreich:

http://buildingandliving.storaenso.com/

http://www.klh.at/

https://www.binderholz.com/

http://www.mm-holz.com

http://www.kulmerbau.at/holzbau_13.htm/

http://www.massivholzsystem.at/